Artist in Residence – Abschlusspräsentation Sophia Schmidt

Bewegung und Stillstand – Abschluss des Atelierstipendiums mit Sophia Schmidt

Was bedeutet Bewegung – und wann wird aus Bewegung Stillstand? Mit diesen Fragen beschäftigte sich Sophia Schmidt während ihres Atelierstipendiums im Kunstcontainer. Unter dem Titel „Bewegung und Stillstand“ präsentierte die junge Künstlerin bei der Abschlussveranstaltung ihre Arbeiten, die während ihres Aufenthalts entstanden sind. 

Fotografien und Zeichnungen waren nicht nur im Container, sondern auch rund um den Ausstellungsort zu entdecken.

Sophia Schmidt studiert Mathematik in Tübingen und ist daneben künstlerisch tätig. Während ihres Atelierstipendiums richtete sie ihren Blick auf ihre unmittelbare Umgebung in der Tübinger Weststadt – auf alltägliche Beobachtungen, auf vorbeiziehende Bewegungen und auf Momente des Innehaltens.

Vom langsamen Punkt zum schnellen Bild

Eine ihrer Arbeiten zeigt eine ruhende, dösende Kuh. Mit einem Stift setzte Sophia Schmidt Punkt für Punkt auf das Papier. Keine Linien, nur Punkte. Aus der Vielzahl der einzelnen Setzungen entstand nach und nach das Bild der Kuh. Dabei wurde die Technik selbst Teil ihrer Auseinandersetzung mit dem Thema: Sie war langsam. Sehr langsam.

Wie langsam, bemerkte die Künstlerin unter anderem daran, wie oft während des Zeichnens der Zug vor ihrem Fenster vorbeifuhr. Im 30-Minuten-Takt rauschte er vorbei, während sie Punkt für Punkt auf das Papier setzte. „Das Punktesetzen ging mir zu langsam“, erzählt sie.

Die Fotografie bot ihr ein anderes Tempo. Mit der Kamera hielt sie den einfahrenden Zug fest – und beschäftigte sich nun mit einer anderen Form des Wartens: dem richtigen Moment, der passenden Belichtungszeit und den Abfahrtszeiten des Zuges. Doch auch hier zeigte sich, dass Bewegung nicht zwangsläufig schnell bedeutet. Das Warten auf den richtigen Zug, den richtigen Augenblick und die passende Belichtung machte auch die Fotografie zu einem langsamen Prozess.

Bewegung wird zu Licht

Auf der Suche nach einer noch unmittelbareren Form von Bewegung verlagerte Sophia Schmidt ihre Arbeit an eine große Verkehrskreuzung. Bei Nacht entstanden Fotografien von vorbeifahrenden Autos und anderen Lichtquellen. Durch die längeren Belichtungszeiten lösten sich die einzelnen Fahrzeuge auf. Zurück blieben leuchtende Spuren.

Die entstandenen Fotografien wirken beinahe abstrakt. Was ursprünglich eine konkrete Bewegung im Straßenverkehr war, wird zu Linien und Formen aus Licht. Geschwindigkeit wird sichtbar – obwohl der einzelne Moment längst vergangen ist.

Diese Fotografien bildeten wiederum die Grundlage für einen weiteren künstlerischen Schritt. Sophia Schmidt druckte die Aufnahmen in DIN-A- 0 aus und zeichnete die Lichtspuren mit Ölkreiden und fluoreszierenden Farben nach. Unter einer UV-Lampe und in einem abgedunkelten Raum entfalten die Arbeiten schließlich eine ganz eigene Wirkung: Die nachgezeichneten Lichtspuren beginnen zu leuchten. Fotografie und Zeichnung verbinden sich, Bewegung wird nicht nur abgebildet, sondern durch Farbe und Licht neu interpretiert.

Zwischen Beobachtung und Experiment

So entwickelte sich aus einer zunächst einfachen Beobachtung – einer ruhenden Kuh, einem vorbeifahrenden Zug, dem Verkehr auf einer Kreuzung – eine vielschichtige künstlerische Auseinandersetzung. Dabei ging es Sophia Schmidt nicht nur darum, Bewegung und Stillstand darzustellen. Auch der Entstehungsprozess selbst wurde zum Teil ihrer Arbeit: das langsame Setzen von Punkten, das Warten auf einen Zug, das Einfangen eines bestimmten Augenblicks mit der Kamera, die Suche nach der richtigen Belichtungszeit und schließlich das Überzeichnen der fotografischen Lichtspuren.

Die Arbeiten erzählen damit nicht nur von Bewegung und Stillstand. Sie machen auch Zeit erfahrbar.

Kunst als Ausgangspunkt für Gespräche

Bei der Abschlussveranstaltung wurden die Besucherinnen und Besucher eingeladen, die entstandenen Arbeiten zu betrachten und miteinander ins Gespräch zu kommen. Die Werke boten dabei zahlreiche Anknüpfungspunkte: Wie verändert sich unsere Wahrnehmung, wenn Bewegung durch eine lange Belichtung scheinbar zum Stillstand kommt? Wie langsam kann eine Zeichnung entstehen? Und wann wird aus einer realen Beobachtung ein abstraktes Bild?

In entspannter Atmosphäre wurden die Arbeiten gemeinsam betrachtet und diskutiert. Ein ästhetisch gestaltetes Buffet und die Klänge einer irischen Flöte begleiteten den Abend.

Mit der Präsentation ihrer Arbeiten schloss Sophia Schmidt ihr Atelierstipendium im Kunstcontainer ab. Ihr Projekt „Bewegung und Stillstand“ zeigte eindrucksvoll, wie aus alltäglichen Beobachtungen künstlerische Experimente entstehen können – und wie eng Bewegung, Ruhe, Zeit und Wahrnehmung miteinander verbunden sind.

Presse: Der Reutlinger Generalanzeiger hat ausführlich über die Veranstaltung berichtet: HIER KLICKEN

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