Artist in Residence – Präsentation Hannah Van Santvliet

Zwischen inneren Landschaften und farbintensiven Gefühlen

Wie lassen sich Gefühle darstellen, bevor sie Worte finden? Und was sehen wir in einem Bild – die Welt, wie sie ist, oder die Welt, wie wir sie wahrnehmen?

Mit diesen Fragen beschäftigte sich Hannah Van Santvliet während ihres Atelierstipendiums im Kunstlaboratorium Weststadt. Bei ihrer Abschlusspräsentation am Samstag öffnete sie den Besucherinnen und Besuchern einen Einblick in ihre künstlerische Auseinandersetzung mit inneren Landschaften, Emotionen und der subjektiven Wahrnehmung.

Im Inneren des orangenen Ateliercontainers sahen sich die Gäste einer Vielzahl farbintensiver Gesichter gegenüber, die Hannah mit Pastellkreiden gestaltet hatte. Die ungewöhnlichen, teilweise widersprüchlich wirkenden Farbgebungen ließen die dargestellten Emotionen offen. Statt eindeutige Gefühle vorzugeben, luden die Porträts dazu ein, den eigenen Empfindungen nachzuspüren: Welches Gesicht spricht mich an? Mit welcher Darstellung kann ich mich identifizieren? Und was sagt meine Wahrnehmung vielleicht mehr über mich selbst als über das Bild aus?

Die Besucherinnen und Besucher waren außerdem eingeladen, selbst kreativ zu werden. Mit bereitgestellten Materialien konnten sie intuitiv Farben auswählen und eigene Gesichter gestalten – ein Angebot, das die Ausstellung um eine persönliche, gestalterische Erfahrung ergänzte.

Im Außenbereich weitete sich der Blick auf innere Landschaften. Hannah zeigte querformatige, mit Aquarell- und Ölfarben gestaltete Arbeiten, in denen Gelb eine zentrale Rolle spielt. Die Farbe Gelb steht für die Künstlerin für das Licht, durch das Landschaften überhaupt erst sichtbar werden. Zugleich verändert und verfremdet dieses Licht das Wahrgenommene. Gelbe Flächen und Formen lösen vertraute Landschaftsmotive auf und eröffnen neue, subjektive Sichtweisen. Die Landschaft wird so weniger zur Abbildung eines Ortes als zum Ausdruck einer inneren Wirklichkeit.

Auf einigen Bildern waren auch zwei Menschen zu erkennen, schemenhaft und ohne ausgearbeitete Gesichter. Sie schienen miteinander unterwegs, einander zugewandt oder auf einem gemeinsamen Weg. Andere Arbeiten zeigten eine einzelne Person von hinten in der Natur. Die Betrachtenden teilten für einen Moment ihre Perspektive und richteten den Blick mit ihnen auf die Landschaft. Dabei blieb offen, welche Beziehung zwischen Mensch und Umgebung besteht und wo die Landschaft endet und die innere Welt beginnt.

Auch Sprache und Literatur wurden Teil der Präsentation. Ergänzend zu den Landschaftsbildern zeigte Hannah Gedichte in deutscher, englischer und niederländischer Sprache – darunter eigene Texte sowie Gedichte von Freunden und Familienmitgliedern. Dabei interessierte sie weniger das vollständige sprachliche Verständnis als vielmehr der Klang und die Wirkung von Worten, die innere Bilder und Empfindungen entstehen lassen können.

Ein Text von Hannah mit dem Titel ‚eine Stunde zu früh’ war in ungewöhnlicher Höhe angebracht und erforderte vom Lesenden, in die Hocke zu gehen. Der Text erzählt von einem Ich, das an einem Fluss auf einer Bank auf ein Gegenüber wartet und dabei sich selbst begegnet. Die körperliche Haltung beim Lesen wurde so Teil der Erfahrung: Der Text erschloss sich nicht beiläufig, sondern verlangte eine bewusste Veränderung der eigenen Perspektive.

Die Ausstellung verband Malerei, Zeichnung, Poesie und die aktive Beteiligung der Besucherinnen und Besucher. Ihre Arbeiten kreisten um die Frage, wie sich innere Zustände ausdrücken lassen, ohne sie eindeutig festzulegen. Vieles blieb offen, manches erschloss sich erst auf den zweiten Blick. Gerade darin lag die Einladung, sich Zeit zu nehmen und die eigene Wahrnehmung zu hinterfragen.

Begleitet wurde die Ausstellung von spätherbstlichem Sonnenschein. Die warmen Farben des Gartens und das Gelb der Walnussbäume traten in einen besonderen Dialog mit Hannahs Landschaftsbildern. Bei anregenden Gesprächen und lebendigem Austausch klang der Nachmittag in einer offenen und herzlichen Atmosphäre aus.

Das Atelierstipendium des Vereins Ort für Kunst bietet Künstler*innen Raum, sich über einen begrenzten Zeitraum intensiv mit ihrer Arbeit auseinanderzusetzen, neue Ansätze zu verfolgen und Einblicke in ihren künstlerischen Prozess zu ermöglichen. Mit der Abschlusspräsentation fand Hannahs Atelierzeit einen gemeinsamen öffentlichen Abschluss – und eröffnete zugleich neue Perspektiven auf das Zusammenspiel von Wahrnehmung, Gefühl und künstlerischem Ausdruck.

Wir danken Hannah für die Einblicke in ihre Arbeit und allen Gästen für ihr Interesse und den schönen gemeinsamen Nachmittag.

Text von Felicia Dulay-Winkler

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